Mitten im Atlantik, fernab der portugiesischen Küste, liegt eine karge Vulkaninsel namens Deserta Grande. Dort lebt die Deserta-Tarantel, wissenschaftlich Hogna ingens. Obwohl sie oft als „Tarantel“ bezeichnet wird, gehört sie tatsächlich zu den Wolfsspinnen – und ist vermutlich die größte Wolfsspinne der Welt. Mit einer Beinspannweite von bis zu 12 Zentimetern wirkt sie wie direkt aus einem Fantasyfilm entsprungen.
Die Spinne lebt ausschließlich in einem einzigen Tal der Insel: dem Vale da Castanheira. Dieser isolierte Lebensraum macht die Art extrem anfällig. Schätzungen zufolge existieren nur noch wenige tausend erwachsene Tiere. Damit zählt Hogna ingens zu den seltensten Spinnenarten der Erde und steht auf der Roten Liste der IUCN als „vom Aussterben bedroht “.
Anders als klassische Netzspinnen jagt die Deserta-Tarantel aktiv. Sie lauert nachts auf Insekten, kleinere Spinnen, Tausendfüßer und sogar junge Eidechsen. Ihre großen Augen verleihen ihr dabei ein fast intelligentes Erscheinungsbild. Wolfsspinnen gelten generell als flinke Jäger – doch Hogna ingens hebt diese Lebensweise auf ein extremes Niveau.
Besonders tragisch ist, dass der größte Feind dieser Spinne nicht ein Räuber ist, sondern eine Pflanze. Eingeschleppte Gräser wie Phalaris aquatica breiten sich immer weiter im Tal aus. Sie verändern den Boden so stark, dass die Spinnen kaum noch geeignete Verstecke unter Steinen finden. Zusätzlich zerstörten eingeführte Kaninchen und Ziegen über Jahrzehnte die ursprüngliche Vegetation der Insel. Dadurch schrumpfte der Lebensraum der Art drastisch.
Doch es gibt Hoffnung. Naturschutzorganisationen und Forschungseinrichtungen auf Madeira sowie zahlreiche europäische Zoos starteten ein Zuchtprogramm für die seltene Wolfsspinne. Bereits hunderte Jungtiere konnten erfolgreich aufgezogen werden. Parallel dazu werden invasive Pflanzen im Tal entfernt, damit die Tiere eines Tages wieder größere Gebiete besiedeln können.